Die Hindernis-Heldin von Henningsleben – Platz 6 im Finale der Europameisterschaft

Als eine von drei Thüringer Athleten hatte sich Lucie Schmied vom SV Empor Bad Langensalza für die Leichtathletik-Europameisterschaft der U 18-Talente qualifiziert. Am Montag, 13. Juli, startete Lucie mit dem Nationalteam vom Flughafen Frankfurt mit Ziel Rieti, einer 45.000-Einwohner-Stadt knapp 100 Kilometer nordöstlich von Rom. Zur allgemeinen Aufregung rund um dieses Abenteuer gesellten sich am Tag der 12stündigen Anreise noch einige Komplikationen beim Check in ins Hotel. Am zweiten Tag musste Lucie mit ihrer Zimmerpartnerin Franziska Gräter, der deutschen Meisterin über 2.000 m Hindernis, noch einmal umziehen. Das erste Training – ein Dauerlauf gemeinsam mit den Jungs – fand bei 39 Grad am Nachmittag auf einer Strecke ohne einen Flecken Schatten statt.
Lucie versuchte, sich so gut wie möglich an die neuen Umstände zu gewöhnen. Sie schickte ein Video vom traumhaften Sonnenuntergang über der Wettkampfstätte, dem Raul-Guidobaldi-Stadion mit seiner schnellen hellblauen Bahn. Zwischen 1982 und 2010 wurden hier acht Weltrekorde aufgestellt. Für die jetzige Nachwuchs-EM waren 1.100 Athleten der Jahrgänge 2009 und 2010 aus 48 Ländern gemeldet. Am Tag vor ihrem ersten internationalen Einsatz gelang Lucie die Feinjustierung. Gutes Auftakt-Training frühmorgens bei erträglichen Temperaturen, gutes Essen, gut regenerieren, Gedanken sammeln, zeitiger schlafen. Ein Ritual war der taktische Abgleich mit ihrem Heimtrainer. Das Motivations-Coaching aus der Ferne enthielt Schlagworte wie stolz sein, Spaß haben und genießen, Vertrauen in die eigenen Stärken, keine Angst, nur Respekt, keine Zweifel, stattdessen Zuversicht.
Am Donnerstagmorgen wurde es dann so richtig ernst. Über die 2.000 m Hindernis standen 24 Läuferinnen am Start, sie wurden in zwei Vorläufe aufgeteilt. Live vor Ort bewunderten Mama Frances, Papa Torsten und Bruder Ruben Schmied – sie waren am Mittwoch nachgereist – ihre Tochter und Schwester im Deutschland-Trikot. Die ungewohnte Wettkampfzeit von 8.35 Uhr kam Lucie, die sagt, „der Sommer gehört abgeschafft“, entgegen. Es war 26 Grad „kühl“, und in Henningsleben steht man ja immer verdammt früh auf. Im Rennen war Lucie eine aufmerksame Beobachterin.






Sie ließ die Spitze nie enteilen, blieb technisch sauber, forcierte, wenn es nötig war, fast unmerklich ihr Tempo. In der Schlussrunde wurde klar: Sie würde mindestens Siebente werden und damit im Endlauf stehen. In 6:50,68 min belegte sie in ihrem Vorlauf und in der Addition beider Vorläufe Rang 4. Sie hatte vom Finale geträumt, den damit normalerweise verbundenen Druck aber „in den Sack gesteckt“ und ihre Aufregung als Ventil für Freude genutzt. Genau die richtige Herangehensweise!
Der Freitag war ein Übergangstag mit leichtem Auffrischungstraining. Am Samstag, zehn Tage vor ihrem 16. Geburtstag, bestritt Lucie dann um 9.45 Uhr das EM-Finale. Sie stand glücklich an der Startlinie, winkte in die Kamera, sah der größten Aufgabe ihres Lebens mit riesiger Vorfreude entgegen. Im schnellsten Rennen ihrer Karriereblieb sie in Reichweite zur Spitzengruppe. Einmal so weit gekommen, wollte sie nun in die Top 10 laufen. Wenn man ihr ins Gesicht schaute, erkannte man eine Explosion des Willens! Lucie lief um ihr Leben, als flüchtete sie vor dem Bären, der hinter ihr nach ihr schnappte. Sie krallte sich fest am letzten Zipfel ihres Ziels und ließ nicht mehr los. In großartiger PB und Thüringen-Rekord von 6:41,22 min wurde sie beim überraschenden Sieg ihrer Mitbewohnerin Franziska Gräter genauso überraschend Sechste. Magische Momente! Woher holte sie nur die Kraft für diese Leistung? Die Antwort liegt in ihrer Gesinnung: Je größer (und fast unmöglich zu schaffen) die Aufgabe ist, desto reizvoller ist es, sich ihr zu stellen, und ihr Körper spielt das Spiel mit und erschließt Energiequellen, über die der normale Mensch nicht verfügt.
Lucie ist mit ihrer Bissigkeit ein enorm großes Vorbild für unsere Trainingsgruppe, für den Stützpunkt Bad Langensalza und die gesamte Thüringer Leichtathletik. In der Regel kommt man von einer Reise anders zurück, als man weggefahren ist. In Italien hat Lucie gelernt, dass es sich lohnt, über einen längeren Zeitraum konsequent, strukturiert, professionell und mit Herz einer Sache nachzugehen, und dass sogar ein größeres Ergebnis dabei herauskommen kann, als man zu glauben wagt. Die vielen Entbehrungen wurden mit einem sensationellen Erfolg gerechtfertigt. Bitte welche Gleichaltrige kann von sich behaupten, in einem EM-Finale gestanden zu haben?
Leidenschaft ist immer siegreich! Die Grenzgängerin Lucie hat Grenzen gesprengt! Zum Schluss eine Anekdote am Rande. Beim letzten gemeinsamen Training in Bad Langensalza schenkte ihr Trainer seiner Athletin eine Glücksmünze. Seit 20 Jahren trug er sie bei sich. Es fiel ihm außerordentlich schwer, sich davon zu trennen. Er hätte sie schon gar nicht jedem gegeben. Lucie nahm diese dänische Krone mit ins Stadion. Das hat ihr Glück gebracht. Athletin und Trainer sind, obwohl sie 1.300 Kilometer getrennt waren, noch enger zusammen gerückt. Fünf Minuten nach dem Zieleinlauf telefonierten beide ausführlich, glückselig (Lucie) und tränenreich (der alte Mann). Menschlichkeit kann auch ein Leistungsbeschleuniger sein. Das ist eine so überragend schöne Erkenntnis!
Fotos: Familie Schmied
