Lucie fliegt zur Europameisterschaft

Welle Wahnsinn in Wattenscheid, es wird immer verrückter! Lucie Schmied vom SV Empor Bad Langensalza, die dominierende U 18-Langstrecken-Läuferin Thüringens, hat tatsächlich ihr „Geheimziel“ erreicht. Erneut gewann sie eine Bronzemedaille bei den deutschen Jugend-Meisterschaften der Leichtathleten. Und mehr noch: Mit einer außergewöhnlichen Leistung qualifizierte sie sich für die Europameisterschaft ihrer Altersklasse, die Mitte Juli im italienischen Rieti stattfindet. Ein ganzes Jahr lang hat Lucie dafür gelebt. Zuerst kam Schule. Dann kam Training. Danach kam nicht mehr viel. Privatleben, Freizeit, Freunde – Fehlanzeige. Selbst auf ihre Klassenfahrt an die Ostsee hat sie verzichtet. Stattdessen ging es noch einmal für acht Tage nach Oberhof ins Trainingslager mit Landestrainer Enrico Aßmus und seiner Top-Gruppe. Die Einheiten dort, garniert mit einem leichten Höhenreiz, haben ihrer Form den letzten Schliff gegeben. Der Lohn kam nun doppelt und dreifach.
Im berühmten Lohrheidestadion erwischte Lucie einen Traumtag. Ihr Auftritt über die 2.000 m Hindernis war herzzerreißend. Als Nummer 4 der Meldeliste musste sie wie schon mehrfach in der Vergangenheit angreifen, dabei aber geduldig bleiben, um in der zweiten Rennhälfte noch etwas im Tank zu haben. Lucie bestimmte von Beginn an in der Spitzengruppe das Geschehen mit. Als ihr die Pace zu langsam wurde und die EM-Norm von 6:55 Minuten in Gefahr geriet, übernahm sie mutig die Führung, wurde dort wieder abgelöst, hatte aber genug Reserve für eine fliegende Schlussrunde und vor allem für die entscheidende Attacke am letzten Wassergraben. Nach 6:46,93 Minuten lief sie durchs Ziel, 13 Sekunden schneller als ihre bisherige PB, gleichzeitig Thüringen-Rekord (ihr neunter!), EM-Norm, NK 1-Norm (Nationalmannschaft). Was für ein nachhaltiger Erfolg, was für eine fehlerlose, kühne, Kampf-süchtige Leistung!


24 Stunden später, doch spürbar erschöpft, Heldentaten gehen eben nicht im Tages-Takt, gelang ihr dennoch das Kunststück, als Elfte der Meldeliste über die 3.000 m an Position 4 das Ziel zu passieren. Lucie meinte hinterher: „Ich bin mit dem Lauf am Freitag richtig zufrieden. Vor allem die Hindernisüberquerungen haben sich echt gut angefühlt, und auch mit den Wassergräben war ich diesmal sehr zufrieden. Generell haben sich meine Beine richtig gut angefühlt, es war einfach ein wirklich guter Tag. Dass die Zeit am Ende so schnell wird, hätte ich nicht gedacht. Das Rennen war für mich perfekt gestrickt, dadurch konnte ich meinen Rhythmus super durchlaufen. Eshat Spaß gemacht. Am nächsten Tag über die 3.000 m flach waren die Beine dann schon ziemlich schwer, deshalb konnte ich dort nicht ganz meine volle Leistung zeigen. Trotzdem bin ich insgesamt mit dem Wochenende sehr zufrieden.“
Die Leistungssportlerin Lucie Schmied ist ein geniales Gebilde. Bei ihr trifft Talent auf Tatendrang. Sie geht keine Kompromisse ein, wenn Training ist, ist Training und nichts anderes, und im Wettkampf hat sie die positive Gier erfunden. Sie ist sehr, sehr reif und reflektiert. Ihre fast übernatürlich erscheinende Fähigkeit zur Mobilisierung trägt sie über die Laufbahnen. Und doch, so ganz allein kann man es nicht schaffen, zu einer Europameisterschaft zu kommen. Deshalb möchten sich die Athletin und ihr Trainer bedanken bei ihren Eltern und Großeltern, beim SV Empor und der Stadt Bad Langensalza, beim Salza-Gymnasium um Klassenlehrer Christian Heim und Herrn Eltahir, dem Schulleiter, bei unserem Hauptsponsor Boreas und allen Förderern, Fans und Freunden und nicht zuletzt bei unserer menschlich so tollen Trainingsgruppe.
Wenn Lucie am 13. Juli in Frankfurt mit dem Flieger abhebt zu ihrem „Abenteuer Italien“, soll und darf sie das genießen, und sie wird von uns allen die Sonne und den Mond grüßen. Und es ist versprochen: Auch wenn sie jetzt das Nationaltrikot trägt, charakterlich abheben wird sie nie im Leben. Lucie wird das bescheidene Mädchen vom Bauernhof in Henningsleben bleiben, ganz so wie wir sie kennen und mögen.
Fotos: Steffen Eß, Familie Schmied, Ronald Schulze
