Pechvögel sind besonders sympathisch


Veröffentlicht am 13. Juli 2026 von Alexander Süß

An der Hauswand eines idyllischen Landhotels etwas südlich des Ruhrgebiets locken zwei Sprüche die Gäste in den Biergarten: „Hunger ist die beste Sauce“ und „Durst ist schlimmer als Heimweh“. Großen Hunger auf Sport und genauso großen Durst auf Erfolge in der Leichtathletik hat Klara Stockhaus seit der 1. Klasse. Jetzt kommt sie in die 10. Klasse. Fast die Hälfte ihrer 15 Lebensjahre hat sie mit leistungssportlichen Ambitionen trainiert. Sie ist 23fache Thüringer Meisterin, drei Vize-Titel gewann sie bei Mitteldeutschen Meisterschaften. Nun ging es zu den Deutschen Meisterschaften der U 16 nach Bochum-Wattenscheid. Die erste Deutsche Meisterschaft – irgendwie steht solch ein Höhepunkt als ultimative Herausforderung wie ein Berg vor einem.

Jedoch ist für Klara kein Berg zu steil. Dieses Mädchen mit ihrer Vielseitigkeit weiß: Talent ist eine Zutat, die man gerne und dankbar annimmt, aber nur die Sauce, das schmeckt ja auch nicht. Ohne Strebsamkeit, ohne Hartnäckigkeit, ohne sich selbst auferlegte strenge Leitlinien, das kannst du vergessen, wenn du da was reißen willst. Der erste Akt im Lohrheidestadion waren die 100 m. Hier ist die Leistungsdichte am größten. Über 50 Mädels verteilten sich auf sieben Vorläufe. Wer ins A-Finale wollte, wurde dazu verdammt, seinen Vorlauf zu gewinnen, denn dann war man automatisch weiter. Klara hatte Pech mit dem Wind und kam als Dritte ihres Vorlaufs ins Ziel mit einer bei 1,1 m/s Gegenwind sehr guten Zeit von 12,41 s. Damit durfte sie noch mal ran, und zwar im B-Finale um die Plätze 9 bis 16. Hier rannte sie am Samstagabend erneut bei ungünstigem Wind 12,40 s, wurde Zweite und damit insgesamt zehntbeste Sprinterin Deutschlands. Zufrieden rückten wir wieder ins Landhotel ein. Hungrig und durstig, wie gesagt, es wurde ein schöner Abend, wir feilten noch ein bisschen an unseren Plänen für die Erwärmung am nächsten Tag. Wir wussten, dass die süßesten Trauben am höchsten hängen. Bei aller Bescheidenheit blieben wir optimistisch.

Auch ein demütiger Mensch erhofft sich innerlich immer mehr, als er auszusprechen wagt. Im selben Atemzug warnten wir uns, denn Top-Wettkämpfe sind zuweilen wie ein wildes Würfelspiel, nichts ist sicher, alles kann passieren . . .

Der zweite Akt waren dann am Sonntag die 80 m Hürden. Seit etwa einem Jahr ist Klara über die Hürden noch deutlich höher einzustufen als im Flachsprint. Deshalb hieß das Traumziel: Teilnahme am A-Finale. Im vierten Vorlauf auf Bahn 4 lieferte sie eine fehlerlose Vorstellung, gewann das Rennen in PB von 11,64 s und zog mit einem großen Q souverän in den Endlauf ein. Dort schien vieles möglich, denn die Vorlauf-Siegerinnen lagen mit ihren Zeiten eng beieinander. Und dann wurde es für Klara tragisch. Sie lief die erste Hürde mit acht statt mit sieben Schritten an, dadurch war alles seitenverkehrt, die Geschwindigkeit weg, die „historische“ Chance auf ein richtig, richtig gutes Ergebnis verloren. Hochachtung, wie sie den falschen Rhythmus instinktiv korrigierte und immerhin noch als Siebente ins Ziel kam. Aber natürlich waren wir alle und am meisten Klara selbst hinterher untröstlich. Ausgerechnet am Tag der Tage, im Lauf der Läufe musste so etwas geschehen – wie extrem bitter, wie brutal, wie hochgradig ärgerlich, wie unverdient, wie ungerecht, und man könnte 20weitere Vokabeln aufschreiben, um das Ausmaß der Enttäuschung zu erklären. Kaum jemand kann nachvollziehen, was da in einem abgeht.

Doch die „Wunde“ wird heilen. Die Pechvögel im Sport sind die sympathischsten. Wenn bei allen immer alles klappen würde, hätten wir Millionen von Weltmeistern. Klara hat bei ihrer ersten Deutschen Meisterschaft zwei Top-10-Plätze erreicht. Die meisten fahren nach ihrem Vorlauf ganz schnell wieder heim. Wir hatten einen Final-Traum, der wurde wahr. Mit etwas Abstand werden wir das noch mehr zu schätzen wissen. Mit Lucie Schmied und Klara Stockhaus hat der SV Empor Bad Langensalza eine kleine goldene Leichtathletik-Generation und zwei ganz große Vorbilder.

Liebe Klara, du hast so viel geleistet in all den Jahren. Sportlich und von deiner dir ureigenen Herzlichkeit her bist du unersetzlich. Bitte behalte deinen Hunger auf all das, was du tust, und werde niemals so richtig satt. Deine 1000prozentige Einstellung überragt den höchsten Turm der Welt. Menschen, und vor allem junge Menschen mit dieser Grundhaltung, ja sie sterben fast aus. Für deine 15 Jahre besitzt du eine enorme Strahlkraft. Auch wenn es im Leben für nichts eine Garantie gibt: Du wirst mit sehr großer Wahrscheinlichkeit fast immer das Hohe erreichen und irgendwann, an einem für dich sehr besonderen Tag, ganz bestimmt das Höchste!

Fotos: Anja Stockhaus, Steffen Eß